Gemeinsamkeiten schlechter Romane

Gibt es Gemeinsamkeiten schlechter Romane? Gibt es einen roten Faden, der leicht erkennbar ist? Kann man typische Anfängerfehler leicht erkennen? Ich bin den Fragen nachgegangen. Hier sind meine Ergebnisse.

Die „üblichen Verdächtigen“ findet man zu beinahe hundert Prozent bei Zuschussverlagen. Meine persönliche Vermutung bezüglich der Ursache ist die mangelnde Beschäftigung der Autoren mit dem Markt, den umfangreichen – und wesentlich kostengünstigeren – Methoden des Selfpublishing. Zu diesen Defiziten kommt noch die mangelnde Beschäftigung mit den handwerklichen Anforderungen dazu. Eigentlich lassen sich nur so derartig krasse Dinge erklären wie:

Telling statt showing

Es war 19 Uhr und es war ein lauer Abend in der Lagune von Venedig. Leonardo war zusammen mit seinen vier Mitarbeitern den ganzen Tag in der Werkstatt beschäftigt gewesen und nun waren alle nach Hause gegangen. Leonardo war Geigen- und Instrumentenbauer. Er war es mit einer Leidenschaft und Ausdauer, die seine Familie oft in den Hintergrund treten ließ. Seiner Frau Clara, mit der er sechs Kinder hatte, war er zwar ein guter Ehemann, aber seine Zornesausbrüche, wenn in der Werkstatt manchmal etwas schiefging oder einer seiner Gesellen nicht nach seinen Plänen genauestens arbeitete, waren nicht gerade angenehm. Nach diesen Zornesausbrüchen beruhigte er sich aber wieder sehr schnell und Clara und die Kinder wurden dann meistens zur Wiedergutmachung in die Umgebung Venedigs zu herrlichen Ausflügen eingeladen und es war wieder alles vergessen.

In dieser Anfangssequenz wird einfach nur erzählt. Hinzu kommt ein zu einfacher Satzbau, die viel zu häufige Verwendung des Wortes „war“, „waren“ etc.

Analysieren kann man noch die Anzahl der Worte pro Satz: 37/5/17/39/34

Von 5 Sätzen sind 3 wesentlich länger als 30 Worte und damit schwer zu lesen. Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten schlechter Romane, z.B.:

Romanfiguren erzählen einander Dinge, die sie schon wissen

Als sie ihn daraufhin ansprach, erzählte Leonardo Clara nun von seinen Problemen. Sie hörte ihm lange zu und antwortete ihm: „Leonardo, du weißt, dass wir im Mai unser siebtes Kind bekommen, und dieser herrliche Moment wird uns alle den materiellen Verlust vergessen lassen, den wir ertragen müssen. Du bist einer der größten Geigenbauer aller Zeiten und niemand wird dich je vernichten können. Ich habe auch in den letzten Jahren gespart und wir werden eine Zeit lang damit leben können. Dann werden sich wieder neue Möglichkeiten finden. Unsere Liebe wird niemand vernichten können und das Schicksal einen neuen Weg aufzeigen.“ Leonardo küsste seine Frau leidenschaftlich und endlich konnte er in dieser Nacht etwas besser schlafen.

Die Dialoge klingen nicht nur gestelzt, sie sind es auch. Der Autor begeht sogar den Fehler, den klassischen Beispielsatz zu verwenden, der in jedem guten Schreibratgeber auftaucht: „Wie du weißt, X, …“

Die Satzlängen sind: 20/27/15/17/7/13/15 Worte. Die Sätze sind zwar etwas kürzer, aber insgesamt zu wenig abwechslungsreich. Die Tendenz geht Richtung lange Sätze, dass es weniger als 30 Worte pro Satz sind, halte ich eher für einen Zufall.

Das Wetter klischeehaft zur Darstellung der Stimmung nutzen

An einem grauen düsteren Regentag, an dem es so stark regnet, dass man keine zwei Meter weit sehen kann, und der Wind so stark weht, dass sich die Bäume krümmen, ereignet sich ein Schicksal, das von seinem traurigen Ausmaß seinesgleichen sucht. An jenem Tag, an dem die meisten Menschen zu Hause in ihren gemütlichen Häusern sind, befindet sich ein kleiner Junge mutterseelenallein auf der Straße und wird vom prasselnden Regen förmlich durchgespült.

Weinend und hilflos läuft er ziellos hin und her, die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben, die Angst allgegenwärtig. Der Junge heißt Thomas, er hat kurze hellbraune Haare, einen eher ovalen Kopf, der ein spitzes Kinn mit sich zieht, und ist knapp eineinhalb Meter groß. Erst neun Jahre ist er alt, als für ihn ein Tag beginnt, der sein ganzes Leben verändern würde, denn vor wenigen Minuten ist er ganz alleine neben einem Müllcontainer in einer verwinkelten Seitengasse aufgewacht. Wie er hierherkam, weiß er nicht, das Einzige, woran er sich noch erinnern kann, ist, wie er in seinem kleinen gemütlichen Bett eingeschlafen ist, und danach tief und fest geschlafen hat.

Diese Art der Erzählung (Telling) versucht das Wetter als Kulisse zu nutzen. Passend zur traurigen Stimmung des kleinen Jungen regnet und stürmt es. Das ist ein Klischee, genauso wie der Sonnenschein, wenn zwei Verliebte sich treffen. Durch das langweilige Telling wecken die Sätze in mir genauso wenig Mitgefühl wie folgende Erzählung:

Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald, es war so finster und auch so bitter kalt.

Es ist der Anfang eines Kinderliedes, gedichtet um 1900. Seit damals hat das Klischee von schlechtem Wetter bei schlimmen Ereignissen ziemlich Staub angesetzt. Als Kontrast könnte man beispielsweise einen Verliebten im Regen zeigen, z.B. wie im Song „Singing in the rain“ aus einem alten US-Musical.

Das Wartezimmer

Im letzten Beitrag stellte ich das Buch “How NOT to Write a Novel: 200 Mistakes to avoid at All Costs if You Ever Want to Get Published” der Autoren Howard Mittelmark und Sandra Newman vor. Sie beschreiben u.a. den Fall einer Handlung, die auf der Stelle tritt. Sie nannten es: „Das Wartezimmer“.

Genauso einen Fehler habe ich gefunden. Offiziell ist es ein Krimi, der Kommissar, ein Herr Terenz, soll eine Mordserie aufklären. Das sagt jedenfalls der Klappentext. Das erste Kapitel spielt pikanterweise sogar in einem Wartezimmer, (passend zum Fehler) in einem Krankenhaus. Dort geschehen merkwürdige Dinge. Werdende Väter gehen nicht in den Kreißsaal, um die Geburt ihrer Kinder zu erleben, den Ehefrauen/Freundinnen mitfühlend die Hand zu halten. Stattdessen setzen sie sich – auch bei problemlosen Geburten – auf Stühle davor, glotzen einander an und reden miteinander. Aber lesen Sie selbst:

Und schon wieder saß ich hier. Auf demselben abgenutzten Stuhl, auf dem ich auch die letzten Male gesessen hatte – zumindest fühlte er sich genauso an. Die Lehne, an die ich meinen Rücken presste, fühlte sich an, als ob sie jeden Moment abbrechen würde, wenn sie nicht an die Wand gelehnt wäre. Der blaue Stoff mit dem orangen Rautenmuster hatte an einigen Stellen kleine Löcher, in denen der gelbe Schaumstoff zum Vorschein kam. Dabei fiel mir wieder einmal auf, wie gut der gelbe Schaumstoff zu den orangen Rauten passte. An den metallenen Füßen des Sitzes befanden sich halb abgerissene Aufkleber der letzten Fußballweltmeisterschaft. Ich legte meine Unterarme sich kreuzend auf meine Oberschenkel, senkte den Kopf und schloss meine Augen. Mir schossen Tausende und Abertausende Gedanken durch den Kopf, einer schlimmer als der andere. Ich wollte nicht daran denken, dass wieder etwas schiefgehen könnte.

(71 Worte später)

Ich öffnete langsam wieder die Augen und bemerkte, dass sich noch zwei andere Männer in die kleine Nische zu mir gesellt hatten. Einer der Männer stand vor der Sitzreihe, die in einer U-Form platziert war. Er hatte einen hellblauen Anzug an, der nicht sehr gut an seinen Körper passte.

(es folgen 269 Worte, in denen das Aussehen von zwei Statisten beschrieben wird, die für die Handlung keine Rolle spielen)

Was sehen sie, wenn sie mich sehen? Einen 191 cm großen Mann, mit braunen, kurzen Haaren, einer leicht ausgewaschenen blauen Jeans und einem roten Langarmshirt und dazu weiße, schlichte Turnschuhe. Ich fragte mich, ob die letzten paar Tage auch bei mir Augenringe hinterlassen haben. Fragen über Fragen, die mich beschäftigten. Ich schob den Ärmel meines Poloshirts hoch, um auf meine Armbanduhr zu sehen. Es war der 14.09.2013, 14:27 Uhr und 17 Sekunden. Ich erinnerte mich daran, woher ich diese Uhr hatte.

(In 158 Worten erfährt man den Hintergrund des Uhrenkaufs)

Langsam fing auch meine Fußferse immer wieder an, sich auf und ab zu bewegen. Während meine Füße sich nach einem unbekannten Rhythmus bewegten, ging ich im Kopf die letzten Male durch, bei denen ich hier auf den Arzt gewartet hatte.

(In 146 Worten hängt der Protagonist seinen Gedanken nach und verspürt Lust auf eine Zigarette)

Die beiden Männer in der kleinen Nische beobachteten mich, während ich mich nach der Mühe, die das Aufstehen mit sich brachte, streckte. »Guten Tag, die Herren. Hat einer von euch eventuell eine Zigarette für mich? Das Warten macht mich verrückt, und ich hab nun keine Zigarette dabei«, sagte ich lachend.

(es dauert 203 Worte, bis die Zigarette ausgeraucht ist)

Ich ging zurück zu dem Fahrstuhl. Um in den Flur zu fahren, in dem ich schon so einige Stunden verbracht hatte. Im Fahrstuhl angekommen drückte ich auf die Taste mit der Fünf, neben der Kreißsaal stand.

(In 152 Worten wird neben der spannenden Aufzugfahrt noch die Wechselwirkung zwischen Nervosität und Nikotin beschrieben)

Dabei fiel mir ein Bild auf, das an der Wand hing. Es war das Bild von Dali mit dem Titel »Laufende Uhren«. Ich konnte mir kein Bild vorstellen, welches besser und gleichzeitig ungeeigneter für diese Situation gewesen wäre. Es symbolisiert die Vergänglichkeit des Menschen, besonders die Potenz der Männer, die Zeitlosigkeit in der Welt und den Zerfall. Das Bild schaffte es, meine Gedanken zu fesseln. Die Gedanken über den Zerfall und die Vergänglichkeit der Menschen.

(Die Gedanken über das Bild von Dali dauern 421 Worte. Zwischendurch erhält einer der wartenden Männer die Nachricht von der problemlosen Geburt seines Kindes. Auch das wird im Detail beschrieben.)

Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass wir 17:33 Uhr und 20 Sekunden hatten. »Drei Stunden. Ich hoffe nur, dass bei meiner Frau alles okay ist. Ich mache mir große Sorgen.«

(Also ich würde mir eher Sorgen um den Leser machen. Er ist vor Langeweile inzwischen wahrscheinlich eingeschlafen. Schlecht, wo doch Krimis eigentlich spannend sein sollten.)

»Das wird schon. Meine Frau bekommt heute ihr drittes Kind. Ich bin total stolz auf sie.« Wieder musste ich einen großen und tiefen Seufzer über mich ergehen lassen. Seine Frau bekommt nun das dritte gesunde Kind. Ich wünschte, meine Frau … Bevor ich den Satz zu Ende denken konnte, fragte der Mann mich, wie ich heiße und was denn los sei. »Ich heiße Thomas. Thomas Terenz. Meine Frau Kimberly ist heute das dritte Mal im Krankenhaus…

(In den nächsten 747 Worten erfahren wir alles über die vergangenen zwei Fehlgeburten, die Gespräche mit Ärzten, medizinische Details, Ursachenanalyse, etc. Dann geht es weiter.)

Bevor der Mann mit den Augenringen, der mir direkt gegenübersaß, antworten konnte, flog die Flügeltür auf, und ein ca. 180 cm großer Mann in einem dunkelblauen Kittel kam durch die Tür mit schnellem Schritt zu mir geeilt. Mein Herz rutschte in den Keller, als ich die Mimik des Arztes zu deuten versuchte. Es war eine Mischung aus Angst und Verzweiflung. Bevor ich mir über die Bedeutung dieses Gesichtsausdruckes richtig klar werden konnte, stand er vor mir und fragte mich, ob ich der Ehemann der Frau Terenz sei. Ich war starr vor Angst und brachte keinen einzigen Laut hervor.

(die letzten 233 Worte der Leserprobe schildern die Gedanken bei der Begegnung mit dem Arzt.)

Ein klassisches „Wartezimmer“ im Sinne von Mittelmark und Newman. Die Handlung ist zäh, dreht sich im Kreis. Der Protagonist ist mit der Betrachtung seiner Vergangenheit und Familienverhältnisse beschäftigt. Von einem Tatort, zumindest dem Vorgeschmack auf spannende Ermittlungen, gibt es weit und breit nichts zu sehen. Die Leseprobe ist abschreckend, weckt keinerlei Interesse für den typischen Krimifreund.

Was war wohl ursprünglich der Sinn dieser Szene? Ich nehme an, die Vorstellung der Hauptfigur, des ermittelnden Kommissars und seiner Probleme. Gute Autoren streuen das in kleinen Happen in der Handlung ein, stellen Spannung in den Vordergrund. Hätte diese Autorin nur etwas Recherche betrieben, wäre erstens nicht dieser völlige Schwachsinn von wartenden Vätern vor dem Kreißsaal herausgekommen und zweitens der Fehler des „Wartezimmers“ im Sinne von Mittelmark und Newman nicht passiert.

Zur Abwechslung

So fängt ein wirklich guter Krimi an, ich zitiere Tess Gerritsen mit ihrem 2. Roman: „Der Meister“

Die Fliegen waren schon zur Stelle. Nach vier Stunden auf dem aufgeheizten Pflaster von South Boston war das zerschmetterte Fleisch regelrecht gar gekocht und strömte das chemische Äquivalent eines Essensglöckchens aus, was ganze Schwärme summender Insekten angelockt hatte. Obwohl das, was von dem Körper übrig geblieben war, inzwischen mit einem Tuch bedeckt war, fanden die Aasfresser noch reichlich herumliegendes Gewebe, an dem sie sich gütlich tun konnten. Klümpchen grauer Gehirnmasse und andere, nicht identifizierbare Fragmente waren in einem Radius von zehn Metern über die Straße verstreut. Ein Schädelsplitter war in einem Blumenkasten im ersten Stock gelandet, und an den parkenden Autos klebten Fleischfetzen.

Detective Jane Rizolli hatte schon immer einen kräftigen Magen gehabt, aber selbst sie brauchte einen Moment, um sich zu fangen. Mit zusammengekniffenen Augen und geballten Fäusten stand sie da, wütend auf sich selbst wegen dieses Moments der Schwäche. Nicht schlappmachen, bloß nicht schlappmachen. Sie war die einzige Kriminalbeamtin in der Mordkommission des Boston Police Department, und sie wusste, dass die Scheinwerfer immer gnadenlos auf sie gerichtet waren. Jeder Fehler würde sofort von allen bemerkt, ebenso wie jeder Triumph. Ihr Kollege Barry Frost hatte zu seiner Schande bereits vor aller Augen sein Frühstück zurückgehen lassen. Jetzt saß er zusammengekrümmt im klimatisierten Einsatzfahrzeug und wartete darauf, dass sein Magen sich wieder beruhigte. Sie konnte es sich einfach nicht leisten, ebenfalls von Übelkeit überwältigt zu werden. Als einzige Polizeibeamtin am Tatort zog sie alle Blicke auf sich, und die Schaulustigen, die sich hinter dem Absperrgitter drängten, registrierten jede ihrer Bewegungen, jedes Detail ihrer Erscheinung. Sie wusste, dass man ihr ihre vierunddreißig Jahre nicht ansah, und sie war peinlich darauf bedacht, so viel Autorität wie möglich in ihr Auftreten zu legen. Was ihr an Körpergröße fehlte, versuchte sie mit ihrem durchdringenden Blick und ihrer straffen Haltung wettzumachen. Sie hatte die Kunst gelernt, eine Szene zu beherrschen, und sei es nur durch die schiere Intensität ihrer Ausstrahlung.

In eigener Sache:

Ich muss meinen Stapel ungelesener Bücher abbauen und ein paar andere Dinge dringend erledigen. Ich gehe mit dem Blog deshalb in die vorgezogene Sommerpause. Vermutlich kann ich ab Mitte September wieder etwas posten, wage aber keine Versprechungen.

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Bildquelle

  • Problem: hyena reality freedigitalphotos.net

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